Candy Blue

Candy Blue

 

 

 

 

Abends saß ich im Flur vor den Studios und wartete. Ich hörte die Stepptänzer im Treppenhaus; ich liebte das Geräusch. Es war wie in einem Musikfilm. Gleich würden sie auf dem Treppenabsatz halten, sich drehen, die Mitte wäre frei – und dann würde einer von ihnen singen. 

Vor den Studios hingen Poster von Tänzerinnen in gold glänzenden Minikleidern. Sie trugen Haarnetze und Hüte, auf die blaues Licht fiel. Sie balancierten schwarze Stäbe auf ihren Händen und kreuzten lächelnd die Beine. 

Alle standen vor den Fenstern, sahen in die Studios und warteten. Sie dehnten die Arme, beugten den Rücken, übten Schritte. Die Mädchen legten die Köpfe zurück und öffneten das Haar. Sie stützen die Hände in die Seiten, hielten ihre Schultern aneinander und gaben sich Küsse. „Ich liebe deine Haare“, sagten sie. „Ich liebe dein neues Trikot.“ 

Einmal hörte ich einen jungen Mann sagen: „Ich schlage ihr ins Gesicht, wenn sie noch einmal dieses Wort sagt.“ 

Später saßen die Mädchen in der Umkleide, zogen die Knie heran, hielten Wasserflaschen oder banden sich wie beiläufig das Haar. 

„Sie trägt French Nails. Aber irgendwie sieht es nicht gut aus … Der Lack ist zu dick. Es wirkt, als hätte sie es machen lassen, weil sie kaut.“ 

„Ich weiß … Dabei können French Nails wirklich schön sein! Meine Mutter hat sie mir früher gemacht.“ 

„Ja, meine auch. Ich habe es geliebt. Meine Mutter hat gesagt, nur die sehr unsicheren Kinder kauen Nägel. Es ist eklig.“

Ich wusste alles über Nägel von Jasons Schwester. Zum Beispiel, welcher Nagellack der richtige war. Der, den ich aus der weißen Pyramide in der Shoppingmall genommen hatte, war es nicht. Sie stellte ihn zurück und gab mir einen in Candy Blue. „Glaub mir“, sagte sie.

Jasons Schwester hatte dunkles Haar mit platinblonden Strähnen, es war fast immer nass vom See. Sie trug einen lila Bikini, weiße Rippshirts und Hotpants oder kurze Sommerkleider. Ich liebte ihre dünne Goldkette mit dem ovalen Anhänger. Ich hätte ihr alles geglaubt.

Später erklärte sie mir, wie mein Bauch aussehen musste, falls ich irgendwo im Bikini liegen würde. Sie kannte die Stellen, an denen sich die Beine berühren durften, wenn man sie aneinanderhielt – und die, die sich nicht berühren durften. Sie zeigte mir auch, wie man sich für ein Fotoshooting dünner machte: Dazu musste man den Oberkörper leicht vorbeugen und die Hände in einer bestimmten Art auf die Schenkel legen. 

Ich versuchte es. Sie lachte. „Nein, so nicht.“ 

Während ich bei Jason und seiner Schwester war, achtete ich sehr darauf, nirgends in einem Bikini zu liegen. Für den See hatte ich einen schwarzen Badeanzug. In Schwarz sind Bäuche kleiner, auch wenn man steht oder umhergeht. Zur Sicherheit wickelte ich mir das Badetuch um die Hüften, sobald ich aus dem See kam. So konnte man die gute Hälfte meines Bauches sehen und von meinen Beinen nur den untersten Teil – den, der zehn Zentimeter über den Knöcheln beginnt. Diesen Teil mochte ich. 

Ich fragte mich, was Jason über meine Schenkel dachte, und fürchtete die Antwort. Zu seiner Schwester hatte ich nichts gesagt. Vielleicht habe ich nicht das Talent, unauffällig an jemanden zu denken. Am Tag meiner Abreise öffnete sie die Tür zu dem Kellerzimmer, in dem Jason wohnte. Sie drehte sich zu mir. „Sag ihm, dass du ihn liebst. Sonst mach ich es.“ Ich starrte sie an und lief aus dem Haus. War Jason da, als sie die Tür öffnete und rief: „Jason, sie liebt dich“? Ich blieb an den Rändern des Gartens, versteckt hinter Fichten im hohen Gras. Jason kam nicht, mich zu suchen und mir zu sagen, dass mein Bauch genau richtig war, für einfach alles. 

Die Tänzerinnen trugen pinke und silbrig glänzende Trikots, dazu Netzstrümpfe und dunklen Lippenstift, eingedrehtes Haar und Hotpants aus Lederimitat. Manche hatten starke Oberarme und breite Schultern. Ihre Beine berührten sich fast überall.

Es gab auch die sehr dünnen Mädchen. Sie gingen in die Ballettklassen. Aber sie waren auf eine Art dünn, die mich traurig machte.

Ich lief über den Flur und betrachtete meine Nägel. Hinter halb offenen Türen sang jemand: All I ever wanted was you. 

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